Arbeitskreis Personal: Prof. Stephan Böhm präsentiert Studie über soziale Gesundheit im Homeoffice

Bildunterschrift: In dem Arbeitskreis Personal der Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim begrüßten Nina Peuckert (links) und Jutta Lübbert (rechts) den Referenten Prof. Dr. Stephan Böhm (Mitte) von der Universität St.Gallen. In einer Videokonferenz stellte er Unternehmensvertretern die Ergebnisse der Langzeitstudie „Social health@work: Wie gesund ist digitale Arbeit?“ vor.

Die Digitalisierung der Unternehmen hat im vergangenen Jahr einen enormen Schritt nach vorne gemacht. Gerade mobile Arbeitsweisen wie das Homeoffice bringen erhebliche Vorteile mit sich – können allerdings auch Risiken bergen. Wie sich die Nutzung digitaler Formate auf die Gesundheit der Beschäftigten auswirkt, hat Prof. Dr. Stephan Böhm in einer umfas-senden Studie untersucht. Böhm ist Professor für Diversity Management und Leadership an der Universität St.Gallen und forscht bereits seit mehr als drei Jahren in Kooperation mit der Krankenkasse BARMER zum Thema „Social health@work“. Was er herausgefunden hat und welche Ratschläge sich daraus ableiten, teilte er nun mit hiesigen Unternehmern. Zu dem Online-Treffen hatte die Wirtschaftsvereinigung der Grafschaft Bentheim im Rahmen ihres Arbeitskreises Personal eingeladen.

Eine bemerkenswerte Zahl nennt Böhm gleich zu Beginn: 70 Prozent der Befragten seiner Studie geben an, dass zumindest ein Teil ihrer Arbeit auch mobil möglich wäre – selbst in Berufsfeldern wie der Pflege oder der Polizei. Konkret mit Blick auf Corona zeigte sich: Wer in Deutschland zuvor schon mobile Arbeit praktizierte, war durchschnittlich 15,9 Stunden pro Woche in dieser Form tätig. In der Pandemie stieg der Wert mit 35,7 Stunden auf mehr als das Doppelte an.

„Die Flexibilisierung von Arbeit ist eine Ressource“, ist Prof. Böhm überzeugt. Beschäftigte, die zwischen einem Befragungszeitpunkt und dem darauffolgenden in ein flexibles Arbeitszeitmodell wechselten, zeigten weniger Stress und emotionale Erschöpfung, während Gesundheit und Arbeitsfähigkeit zunahmen. Der Experte weiß jedoch auch um die Risiken: Die ständige Erreichbarkeit und die virtuelle Kommunikation können auch als Stressoren wirken und eine „digitale Überlastung“ verursachen. Was also tun, um die positiven Aspekte zu fördern und gleichzeitig Gefahren zu vermeiden?

Hierzu erfolgt eine Gliederung in drei Ebenen: Was kann der Einzelne, was das Team und was die Organisation zum Gelingen beitragen? Auf individueller Ebene zeigt sich: Wer über stark ausgeprägte digitale Kompetenzen verfügt, ist produktiver und leidet weniger an Schlafproblemen oder Stress. Ein bedeutender Faktor ist zudem das sogenannte Grenzmanagement: Familie und Arbeit durch klare zeitliche Festlegungen und örtliche Gegebenheiten getrennt zu halten und mobilen Arbeitszeiten auch gegenüber den Kollegen klar kommunizieren zu können, wirkt sich ähnlich förderlich aus.

Auf Teamebene ist entscheidend, wie gut die Beschäftigten in die Gruppe sozial eingebunden sind: Besteht ein Zugehörigkeitsgefühl? Ist Chancengleichheit gegeben? Kann jeder authentisch sein? Werden vielfältige Perspektiven berücksichtigt? Von Bedeutung ist gleichwohl die virtuelle Führungsfähigkeit der direkten Führungskraft. Gelingen also das sogenannte Inkludieren und das Koordinieren im Team, steigt laut der Studie die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeitenden, während Stress oder Kündigungsabsichten bedeutend zurückgehen.

Hinsichtlich der Gesamtorganisation wird deutlich, dass neben konkreten Unterstützungsmaßnahmen wie entsprechenden Schulungen oder der technischen Ausstattung ausschlaggebend ist, auf welchem Level der Digitalisierung sich das Unternehmen insgesamt befindet. Die Entwicklung der Betriebe wird in fünf „Reifegraden“ beschrieben, welche von der anfänglichen Widerstandsphase über die Vorbereitungs-, Umsetzungs- und Virtualisierungsphase bis hin zur vollen Virtualität reichen. Auch hier wird deutlich: Ist die Unsicherheit erst einmal überwunden, schwinden auch Punkte wie Erschöpfung oder Konflikte zwischen Arbeit und Familie, während die Produktivität wächst. Nach der Erhebung gehören die mit Abstand meisten mobil arbeitenden Beschäftigten derzeit jenen Firmen an, die sich in der Umset-zungsphase befinden.

Für die Studie, die auch weiterhin fortgeführt wird, werden stets 8000 Teilnehmende in regelmäßigen Abständen befragt. Das Fazit von Stephan Böhm: Mobile Arbeit ist weder Teufelszeug noch Allheilmittel. Sie schafft Flexibilität, erfordert zu Hause aber klare Grenzziehungen. Wichtig sei es, stets den Status quo zu eruieren und zu schauen, wo die eigenen Leute stehen und wo es hakt. Böhm ist überzeugt: „Wenn es gelingt, macht mobile Arbeit nicht krank, sondern leistungsfähiger.“

Eindrucksvoll beschrieben anschließend die Unternehmensvertreter, wie sie selbst den Schub in die digitale Welt während der Coronakrise empfanden: vom anfänglichen Gefühl, die Beschäftigten alleine zu lassen, bis zu den Erfahrungen im zweiten Lockdown, als alles schon viel routinierter lief. Jutta Lübbert, Geschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung, bedankte sich für die Ausführungen des Wissenschaftlers – und sprach einen Punkt an, dem die übrigen Teilnehmenden nur beipflichten konnten: Soziale Nähe und ein kollegiales Miteinander entstehen so richtig nur in der realen Welt.