Moderierter Erfahrungsaustausch mit Expertin der Deutsch-Amerikanischen Auslandshandelskammer

War zum Austausch mit Grafschafter Unternehmen aus Chicago zugeschaltet: Jessica Ferklass von der Deutsch-Amerikanischen Auslandshandelskammer Chicago. Lutz Wolf von der Neuenhauser Unternehmensgruppe moderierte für die Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim das Gespräch. Quelle: AHK USA-Chicago / Neuenhauser Unternehmensgruppe

Der US-Markt hält auch für Grafschafter Firmen spannende Geschäftsfelder bereit. Hinweise zum Markteintritt sowie zur wirtschaftspolitischen Entwicklung in den Vereinigten Staaten bekamen hiesige Unternehmer Anfang November aus erster Hand: Im Rahmen eines digitalen moderierten Erfahrungsaustauschs – initiiert durch die Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim – traten sie mit der aus Chicago zugeschalteten Jessica Ferklass von der Auslandshandelskammer AHK USA-Chicago ins Gespräch. Jutta Lübbert, Geschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung, und Lutz Wolf, Mitglied des Vorstands bei der Neuenhauser Unternehmensgruppe und Moderator des Austauschs, hießen die Gesprächspartnerin aus Übersee willkommen. Die Online-Zusammenkunft stand auch unter dem Eindruck der Unwägbarkeiten angesichts Coronapandemie und Präsidentschaftswahl.

„In der Grafschaft gibt es große internationale Unternehmen, die bereits in den USA mit eigenen Standorten vertreten sind oder von hier aus das Geschäft betreiben – andere stellen sich noch die Frage, wie sie eine Geschäftsanbahnung zustande bringen können“, beschreibt Lutz Wolf die Ausgangslage und fragt die Expertin nach den grundsätzlichen „Do's & Don't's“ zum Markteintritt. Diese nennt als einen der entscheidenden Faktoren: Sichtbarkeit gewinnen – und daher nicht das Marketing vernachlässigen. Bisweilen hapere es schon an vermeintlichen Klei-nigkeiten, wenn etwa die Firmenwebseite zwar eine englische Version vorhält, aber lediglich eine britische Fahne darauf verweist – und nicht die US-Flagge.

Eine hohen Stellenwert genieße nach wie vor das Prädikat „Made in Germany“ oder „Engineered in Germany, made in America“. Dies dürfe gerne genutzt, aber nicht überreizt werden und man sollte sich auch nicht darauf ausruhen. Bei der Gründung eines eigenen Standorts in den Vereinigten Staaten sei es von Vorteil, besonders im Sales-Bereich auch US-Personal einzustellen – nicht zuletzt aufgrund interkultureller Unterschiede, die manchmal größer seien als gedacht.
In einigen Branchen sind Vertriebspartner das Mittel der Wahl. Bezüglich einer Zusammenarbeit rät die Fachfrau, die geografische Größe der Vereinigten Staaten im Blick zu behalten. So habe sie schon von Betrieben gehört, die auf einer Messe einen passenden Partner gefunden haben – und doch wurde trotz Marktpotenzial kein Umsatz erwirtschaftet. Dies könne daran liegen, dass die betreffende Person nur einen Bundesstaat bearbeitet, es aber zwei möglicherweise zwei weitere Partner benötige, um das Territorium realistisch abzudecken.

Hinsichtlich der Bezahlmethoden bestätigt Jessica Ferklass auf Nachfrage, dass Schecks in den USA weiterhin stark vertreten sind – besonders im B2B-Bereich, aber auch bei der Bezahlung von Mitarbeitern. Grundsätzlich gelte es zu überlegen, ab wann es sich lohnt, ein US-Bankkonto einzurichten. Aus der Runde der Gesprächsteilnehmer wird hierzu angemerkt, dass es heute kein Problem mehr sei, über Korrespondenzbanken von Deutschland aus ein Konto in den USA zu führen.

Angesichts Corona richtet die aus Süddeutschland stammende und seit sechs Jahren in den USA lebende Jessica Ferklass den Fokus auf die neuesten Ergebnisse der jährlichen AHK-Umfrage „World Business Outlook“, bei welcher mehr als 3500 deutsche Unternehmen befragt wurden: Demnach erwarten zwar 52 Prozent der Firmen im kommenden Jahr eine Erholung hinsichtlich der US-Geschäfte, doch aktuell sehen noch 90 Prozent die derzeitigen Reisebeschränkungen als belastenden Faktor. Was also tun angesichts eingestellter oder limitierter Visa, wenn eine Firma eigentlich dringend drei Monteure in die USA entsenden muss?

Ferklass erwähnt in diesem Zusammenhang die sogenannten „National Interest Exceptions“, die einzelne Einreisen unter bestimmten Bedingungen erlauben. Hauptansprechpartner sei hier das US-Konsulat in Deutschland. Sie empfiehlt, im Zuge der Antragstellung einen Immigrationsanwalt zu konsultieren. Aktuell müsse man jedoch darauf vorbereitet sein, dass seitens der US-Firmen kurzfristige Absagen erteilt werden, wenn im Betrieb Corona-Fälle aufgetreten sind. Grundsätzlich sollten deutsche Unternehmen die Fallzahlen pro US-Staat im Blick behalten – denn diese beeinflussen auch das Reisen innerhalb der USA. Jessica Ferklass nennt hier exemplarisch den „Emergency Travel Order“ für Chicago, der besonders betroffene Staaten auflistet, aus welchen Reisende sich nach Ankunft in 14-tägige Quarantäne begeben müssen. Tipp aus dem Plenum: Gute Erfahrungen habe man mit dem Gesundheitsdienstleister „International SOS“ gemacht. Dieser biete Absicherung und Mitarbeiter hätten eine Notruf-Nummer zur Hand, wenn sie gestrandet sind.

Bei allgemeinen Fragen zum US-Geschäft rät Ferklass, sich an lokale Einrichtungen wie die Wirtschaftsvereinigung oder die Industrie- und Handelskammer zu wenden oder sich direkt bei der AHK zu melden. Alle Institutionen stünden in engem Kontakt miteinander.

Stichwort AHK

Die Auslandshandelskammer USA mit ihren 130 Mitarbeitern und 2500 Mitgliedern ist die offizielle Vertretung der Deutschen Wirtschaft in den Vereinigten Staaten und zugleich Dienstleister für Unternehmen. Neben Chicago ist die AHK mit fünf weiteren Standorten in den USA vertreten, namentlich Atlanta, Detroit, Houston, New York und San Francisco. Die Angebote für Firmen reichen von der ersten Marktanalyse über Geschäftspartnervermittlung, Geschäftspräsenz sowie Standortsuche und -auswahl bis hin zu Inkasso- und Personaldienstleistungen. Zudem werden regelmäßig Veranstaltungen organisiert.