Neujahrsempfang 2020 - Bald Campus für Berufsbildung in Nordhorn?


Mit weit mehr als 500 Gästen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft startete die Wirtschaftsvereinigung mit dem Festredner Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio in das neue Jahr. Als ehemaliger Richter des Bundesverfassungsgerichts und Leiter verschiedener Beratungsgremien, skizzierte Di Fabio anschaulich und klar den Wandel, der sich aktuell in westlichen Demokratien vollzieht und setzte diesen in einen geopolitischen, europäischen und nationalen Kontext. Zuvor gab Vorstandsvorsitzender Klaas Johannink einen Überblick über die regionale Wirtschaft.

Johannink bot in seiner Ansprache einen differenzierten Blick auf die regionale Wirtschaft: „Aktuell durchlebt der Maschinen- und Anlagenbau schwierige Zeiten. Wir sind aber in der Grafschaft recht breit diversifiziert.“ Insgesamt also gingen die Grafschafter Unternehmen mit einer guten Ertragslage und positiven Erwartungen in das neue Jahr. Die Zahl der Unternehmens-Insolvenzen stehe seit zwei Jahren auf einem historischen Tiefstand. Allerdings schloss Johannink nicht aus, dass sich die Konjunkturschwäche einzelner Branchen auf den Arbeitsmarkt auswirken könne. „Sollte sich hier keine Trendumkehr abzeichnen, könnte das Thema Kurzarbeit wieder auf die Agenda einiger Unternehmen kommen.“

Johannink versprach, die Wirtschaftsvereinigung werde sich weiterhin für die richtigen Rahmenbedingungen in der Grafschaft Bentheim einsetzen. So sei die Mobilfunkversorgung nach wie vor ein Dauerbrenner. Aber auch das Thema Berufsausbildung stehe in diesem Jahr ganz oben auf der Agenda. "Wir setzen uns dafür ein, die Nordhorner Berufsschulen weiterzuentwickeln - zu einem echten Campus für Berufsbildung, der auf einer breiten Basis verschiedener Bildungsgänge und Ausbildungsberufe basiert und eine Topqualität in definierten Themenfeldern garantiert." Es habe bereits viele konstruktive Gespräche zu diesem Thema gegeben, weitere seien terminiert. Deshalb sei er optimistisch, dass sich das Projekt bald konkretisiere. Johannink stellte aber ausdrücklich klar: Bei dem Campus für Berufsbildung gehe es nur um die Stärkung der dualen Berufsausbildung. Für den akademischen Nachwuchs Grafschafter Unternehmen sorge nach wie die Hochschule Osnabrück am Campus Lingen.

Über das Thema „Demokratie im Wandel - Die Spaltung der westlichen Demokratien“ sprach Festredner Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio. Der Verfassungsrechtler und Gesellschaftskritiker beobachte eine Volatilität der Gesellschaft. "Man kann heute mit einer Idee erfolgreich sein, ohne in der Gesellschaft verankert zu sein", sagte Di Fabio. "Hier verschiebt sich etwas. Das lässt die westlichen Demokratien unruhiger werden." Dass die „organisatorische Festigkeit“ schwinde, zeige sich in dem massiven Mitgliederschwund von Parteien, Kirchen und Gewerkschaften. Im Internet sieht Di Fabio einen Faktor, der Spaltungen in der westlichen Demokratie gefördert habe. Durch die digitalen Medien sei die heutige Kommunikation beispielsweise stark fragmentiert, weil vieles dezentralisiert und meist zeitgleich ablaufe. Dies schaffe schnell Feindbilder und führe so zu einer Emotionalisierung der Themen und Verhärtung der Fronten. Di Fabio verlangt von der Gesellschaft eine neue Diskussionskultur, in der wieder mehr miteinander als übereinander geredet werden solle und die Rückbesinnung auf Sachargumentationen. An die Politik gerichtet riet er: "Wenn sich die Politik vor dem Hintergrund emotionaler Debatten über das Klima oder die innere Sicherheit dazu hinreißen lässt, Symbolpolitik zu betreiben, dann wird sich der Wähler von ihr und auch der Demokratie abwenden."

 Was die regionale Presse über den Neujahrsempfang berichtet hat, finden Sie hier: