COVid-19: Interview mit der Ärztlichen Leiterin der Arbeitsmedizinischen Zentren Nordwest


Die Corona-Pandemie stellt Betriebe und ihre Betriebsärztinnen und -ärzte vor neue Herausforderungen. Gülsen Hellbach, Ärztliche Leiterin der Arbeitsmedizinischen Zentren Nordwest (AMZ), erläutert in diesem Interview, was Unternehmen beachten müssen, um gut durch die Pandemie zu kommen und welche Rolle die Betriebsärztinnen und -ärzte dabei spielen.

Frau Hellbach, Sie sind Ärztliche Leiterin der AMZ. Wie hat sich die Corona-Krise auf Ihren betriebsärztlichen Alltag ausgewirkt?

Das Virus versetzte im Frühjahr 2020 viele Betriebe und in der Folge auch unseren Arbeitsalltag in bisher unbekanntem Ausmaß in einen Ausnahmezustand. Lockdown, Homeoffice, Homeschooling und Alltagsmasken sind nur einige Beispiele hierfür. Da das Virus neu ist, erreichen uns täglich aktualisierte Informationen wie beispielsweise über Risikoeinstufungen, Übertragungswege, Schutzmöglichkeiten und gesetzliche Verordnungen. Letztere haben teilweise weitreichende Konsequenzen für den Betriebsalltag. Wir Ärzte von den AMZ kümmern uns intensiv rund um dieses Thema, beraten täglich, informieren regelmäßig über E-Mails, um so unsere Firmen durch die Pandemie zu begleiten.

Worauf kommt es jetzt besonders an?

Das oberste Ziel für Unternehmen ist es, das Infektionsrisiko insgesamt für Beschäftigte zu senken. Neuinfektionen im betrieblichen Alltag müssen verhindert werden, um beispielsweise zeitweise angeordnete Schließungen durch das Gesundheitsamt zu verhindern oder auch Masseninfektionen im Betrieb entgegenzutreten. Abstand, Hygiene und Masken sind und bleiben dafür die wichtigsten Instrumente. Bei diesen grundlegenden Schutzmaßnahmen kommt es besonders darauf an, eine Sensibilisierung für die Dringlich- und Wichtigkeit in der Umsetzung bei den Mitarbeitern zu schaffen. Die Reduzierung des Infektionsrisikos ist entscheidend vom Verhalten jedes Einzelnen abhängig.

Die in der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel vorgeschlagenen technischen, organisatorischen und personenbezogenen Schutzmaßnahmen bieten Unternehmen darüber hinaus eine rechtsverbindliche Orientierung. Neben gesetzlichen Rahmenbedingungen ergeben sich allerdings häufig betriebsspezifische Fragestellungen rund um das Thema Corona. Hier stehen wir Betriebsärzte mit Rat und Tat zur Seite.
Anmerkung der Redaktion: Die SARS-CoV-2Arbeitsschutzregel können Sie auf der Website der AMZ herunterladen >>

Was sind die häufigsten Fragestellungen der Unternehmen an Sie?

Viele Unternehmen fragen nach Möglichkeiten, wie sie die Sicherheit im Betrieb erhöhen können. In diesem Zusammenhang möchte ich sehr gerne auf die Überprüfung der Raumluftqualität mittels CO2- Messungen hinweisen. Stark genutzte Räume wie beispielsweise Versammlungsräume, die schlecht gelüftet werden, weisen häufig CO2-Konzentrationen weit über 1000 ppm auf. Solche Räume stellen nach derzeitigem Erkenntnisstand bei Anwesenheit infizierter Personen ein erhöhtes Ansteckungsrisiko dar. Diese erhöhte Ansteckungsgefahr könnte mit der sehr einfachen Maßnahme der Beschaffung eines CO2-Messers gesenkt werden, denn dieser gibt ein visuelles Signal zum Lüften, wenn der Grenzwert überschritten wird. Ist kein CO2-Messer verfügbar, kann auf die CO2-App der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung zurückgegriffen werden. Mit ihr lässt sich die CO2-Konzentration in Räumen überschlägig berechnen und die optimale Zeit und Frequenz zur Lüftung des jeweiligen Raumes bestimmen. Außerdem hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) eine Empfehlung „Infektionsschutzgerechtes Lüften“ abgegeben.

Mit Beginn der kalten Jahreszeit werden Erkältungserkrankungen zunehmen. Viele Unternehmen fragen sich, wie mit Mitarbeitern umzugehen ist, die Erkältungssymptome zeigen. Hier erreichen uns Fragestellungen wie:

  • Kann man bei Auftreten von Symptomen eine übliche Erkältungserkrankung von einer COVID-19-Infektion unterscheiden?
  • Was muss ich meinen Mitarbeitern an die Hand geben, damit das Infektionsrisiko im Betrieb für COVID-19 im Falle von Erkältungssymptomen gering bleibt?
  • Welche Symptome sind hier relevant?

Grundsätzlich ist es schwierig, ohne eine definitive Testung mit absoluter Sicherheit eine Differenzierung zwischen banalen Erkältungserkrankungen und einer COVID-19-Infektion durchzuführen. Dennoch kann man betriebsspezifische Orientierungshilfen geben, um das Infektionsrisiko beispielsweise mit Flussdiagrammen gering zu halten.

Weitere Fragestellungen beziehen sich auf das Vorgehen bei Aufenthalten von Mitarbeitern in Risikogebieten, insbesondere im beruflichen Kontext. Neben einer eingehenden Reiseberatung hinsichtlich Schutzmaßnahmen vor Antritt der Dienstreise in das jeweilige Land kommt es natürlich auch auf Maßnahmen nach der Rückkehr an. Hier stellen sich wichtige Fragen wie:

  • Reicht eine einmalige Testung nach Rückkehr aus?
  • Nach welcher Zeit sollte die zweite Testung dann durchgeführt werden?
  • Bin ich nach zwei Testungen vollkommen sicher, dass der Mitarbeiter sich in dem jeweiligen Risikogebiet nicht angesteckt hat?

Sind Zweitinfektionen bei COVID-19-Erkrankungen möglich?

Längere Zeit ging man von einer Immunität nach einer COVID-19-Infektion aus. Hinsichtlich der Länge dieser Immunität gab es allerdings verschiedene Meinungen. Aufmerksamkeit erlangte ein Fall aus Hongkong. Ein 33- jähriger Mann infizierte sich mit dem Corona Virus und wurde für diese Zeit stationär behandelt. Nach Genesung und negativer Testung wurde er entlassen. Nach einer Reise in ein Risikogebiet (Spanien) wurde routinemäßig erneut getestet. Der Test fiel positiv aus, obwohl der Mann keinerlei Symptome zeigte und sich in einem guten Allgemeinzustand befand.
Wissenschaftler der Universität Hongkong veröffentlichten, dass beim zweiten Mal sich das Virus in manchen Sequenzen vom ursprünglichen Virus der Erstinfektion unterschied, d.h. eine Mutation stattgefunden hatte. Dennoch reichten die Antikörper des Mannes, die im Laufe der Erstinfektion erworben wurden, aus, einen zweiten Erkrankungsausbruch zu verhindern. Allerdings fand dennoch eine Ausbreitung des Virus im Körper statt, was weiterhin Infektiosität bedeutet.
Ob es tatsächlich Zweitinfektionen gibt, ist weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen.

Welche Rolle spielen die verschiedenen Testmöglichkeiten bei der Pandemiebekämpfung?

Neben der Erforschung antiviraler Mittel und Impfstoffe nimmt die Diagnostik von Infektionen einen besonderen Stellenwert im Kampf gegen das Coronavirus ein. Inzwischen ist eine große Anzahl von unterschiedlichen Tests auf dem Markt, bei denen ich nur auf einige eingehen möchte. Zu unterscheiden sind Tests, die eine abgelaufene und eine akute Infektion nachweisen.

Abgelaufene Infektionen sind mittels Antikörperbestimmungen aus dem Blut möglich. Außer für epidemiologische Fragestellungen haben diese Tests aktuell keinen großen Stellenwert. Tests, die akute Infektionen nachweisen, eignen sich besonders zur Unterbindung von Infektionsketten. Die notwendigen Proben hierfür stellen Abstriche aus dem Nasen- Rachenraum dar.

Goldstandard zum Nachweis akuter Infektionen ist die PCR Testung. Diese verfügt über eine hohe Genauigkeit. Fehler wie falsch negative Ergebnisse sind nicht auf den Test selber, sondern eher auf eine inkorrekte Probeentnahme zurückzuführen. Braucht man allerdings ein Ergebnis relativ zeitnah, kann dies ein Nachteil sein, da die Proben erst zum Labor versendet werden müssen und dort ggf. weiter Zeit verstreichen kann. PCR Testungen weisen Erbmaterial des Virus (RNA) nach.

Neben dem Erbgut lassen sich auch Proteine des Virus mittels Antigentests nachweisen. Neben aufwendigeren Verfahren (wie Fluoreszenz- oder Chemilumineszenz-Immunoassays) gibt es sogenannte Schnelltests, die wie Schwangerschaftstest funktionieren. Diese zeigen zwar nicht die Treffgenauigkeit der PCR Testungen, allerdings ist das Ergebnis der Testung umgehend verfügbar. Auch hier ist es ratsam einen Betriebsmediziner hinzuzuziehen. Er berät über Vor- und Nachteile der jeweiligen Testverfahren in Abhängigkeit vom Betrieb und der Fragestellung.

Welche Bedeutung hat in der aktuellen Lage die Gefährdungsbeurteilung?

Gefährdungsbeurteilungen sollten branchenbezogen um Arbeitsschutzmaßnahmen in Anlehnung an die SARS- CoV-2 Arbeitsschutzstandards des BMAS erweitert werden. Hierbei sind konkrete Maßnahmen zur Reduktion der Gefahren aufzuzeigen. Die Einstufung des Virus erfolgte durch den Ausschuss für Biologische Arbeitsstoffe (ABAS) vorläufig in Risikogruppe 3 nach Biostoffverordnung (insgesamt 4 Risikogruppen). Die AMZ beraten Unternehmen bei der Aktualisierung der Gefährdungsbeurteilungen im Hinblick auf COVID-19.

Warum ist die Grippeimpfung in diesem Jahr wichtiger als die Jahre zuvor?

Die Symptome der Erkrankung an Covid-19 ähneln denen der Grippe. Bei einer vorhandenen Grippeimpfung fällt die Unterscheidung zwischen den Krankheiten leichter, da man dann eine Influenza mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ausschließen kann. Außerdem ist eine Doppelinfektion mit Influenza und COVID-19 durchaus möglich, was die Komplikationsrate erhöht und somit auch lebensbedrohliche Situationen wahrscheinlicher sein können.
Anmerkung der Redaktion: Weitere Informationen zur Grippeimpfung finden Sie auf der Website der AMZ >>

Frau Hellbach, vielen Dank für das Gespräch.

Gülsen Hellbach ist seit diesem Jahr Ärztliche Leiterin bei den Arbeitsmedizinischen Zentren Nordwest. Aktuell betreuen die AMZ mehr als 230 Betriebe mit über 18.000 Beschäftigten in der Grafschaft Bentheim und dem Emsland.

Arbeitsmedizinische Zentren Nordwest

nordhorn@amz-nordwest.de          
lingen@amz-nordwest.de      

www.amz-nordwest.de