Mittagsgespräch mit dem Geschäftsführer der Deutsch-Niederländischen Handelskammer

Günter Gülker, Geschäftsführer der Deutsch-Niederländischen Handelskammer mit Sitz in Den Haag, wirbt bei Grafschafter Unternehmern für den Blick über die Grenze. Denn: Die Wirtschaft in den Niederlanden erfreut sich bester Gesundheit. Konsumentenvertrauen und Investitionsabsichten erzielen aktuell Höchststände. Das Wirtschaftswachstum lag 2017 bei drei Prozent und seit zwei Jahren herrscht im Haushalt des westlichen Nachbarlands die „schwarze Null“: Dass der niederländische Markt somit auch für deutsche Unternehmen – insbesondere in Grenznähe – ein großes Potential bereithält, erläuterte Gülker. Auf Einladung der Wirtschaftsvereinigung der Grafschaft Bentheim war er nach Nordhorn gekommen, um mit Vertretern hiesiger Betriebe in den Dialog zu treten.

Bei dem Treffen im NINO-Hochbau machte Gülker, seinerseits gebürtiger Grafschafter, den Unternehmern den Blick über die Grenze anhand verschiedener Aspekte schmackhaft. Ausdrücklich betonte er die wirtschaftliche Bedeutung der Niederlande für Deutschland: „Nach China sind die Niederlande der Handelspartner Nummer Zwei für Deutschland, erst 2017 hat Holland die USA und Frankreich überholt“, so Gülker. Der Austausch sei sehr intensiv und noch im vergangenen Jahr um zehn Prozent gewachsen.

Den Aufschwung verdeutlichte der Experte mit Blick auf drei ausgewählte Branchen:
„Die Bauindustrie boomt – und damit auch alle vor- und nachgelagerten Geschäftsfelder.“ Dies liege nicht nur daran, dass der Niederländer per se gerne und häufig umziehe. Der Stopp der Erdgasproduktion aus den Gasfeldern bei Groningen und der zu erwartende Anstieg der Heizkosten durch Importe ruft das Thema Wärmedämmung auf den Plan. „Da sind wir weiter“, ist Günter Gülker überzeugt: „Wir haben die Technologie, wir haben die Handwerker.“

Generell sei Energie ein „Hot Item“: Hinsichtlich des Gesamtverbrauchs entfielen gerade einmal sechs Prozent auf erneuerbare Energien, was noch reichlich Luft nach oben biete. Aktuell entstünden immer mehr Offshore-Windkraftanlagen in Küstennähe, wo bereits deutsche Unternehmen wie Enercon und Siemens am Werk seien.

Eine große Rolle spiele allerdings auch das Gesundheitswesen: Zwar seien die Ausgaben dafür mit zehn bis elf Prozent des Bruttosozialprodukts auf einem Level mit Deutschland, doch entfalle ein deutlich höherer Anteil in den Niederlanden auf die Pflege. Deshalb sei man auf der Suche nach effizienteren Systemen, was auch Nischen für findige Akteure aus Deutschland biete.

„Nutzen Sie diese Chance – wenn nicht jetzt, wann dann?“, spornte Günter Gülker die anwesenden Unternehmer an. Sofern bereits Beziehungen in Richtung Holland bestünden, ermutigte er zur Reflexion: „Hole ich schon alles raus?“ Auch die kulturelle Nähe zwischen der Grafschaft und der Nachbarregion Twente biete einen großen Mehrwert. Als augenzwinkernden Leitspruch gab er den Wirtschaftsvertretern mit auf den Weg: „Keep in touch with the Dutch!“

Im Gespräch mit den Unternehmern kamen jedoch auch Schwierigkeiten zum Tragen, etwa in Bezug auf die Gewinnung niederländischer Mitarbeiter: Davon berichtet etwa Gerrit Ricker von der pro tec service. Vermehrt habe man in der Vergangenheit um Kräfte aus dem Nachbarland geworben und Anlaufstellen wie die Agentur für Arbeit aufgesucht. Den Grund für das Zögern der Niederländer sieht Ricker darin, dass es sich für die Arbeiter in diesem Segment steuerlich nicht lohnt.

Weniger auf die Mitarbeiterakquise als vielmehr auf die Suche nach niederländischen Geschäftspartnern richtet die K. Heinz Moelle GmbH & Co. KG ihren Fokus. Durch den Besuch entsprechender Messen und einen niederländischen Internetauftritt hat der Elektrogroßhändler in den vergangenen sechs Jahren einen festen Kundenstamm gewonnen, wie Prokurist Klaus Barlage mitteilt.

Jutta Lübbert, Geschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung, verwies auf die besondere Aktualität des Themas durch den kürzlichen Besuch von Ministerpräsident Stephan Weil in der Grafschaft: Dieser hatte die Wichtigkeit der deutsch-niederländischen Handelsbeziehungen unterstrichen, sich aber verhalten geäußert über einen möglichen Staatsvertrag, wie er zwischen Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden abgeschlossen wurde. Günter Gülker dankte sie für seine engagierten Worte. Als Unternehmerverbände betreibe man schon lange eine gute Zusammenarbeit.

Die Deutsch-Niederländische Handelskammer ist die offizielle Vertretung der deutschen Wirtschaft in den Niederlanden. Als Plattform für Unternehmen unterstützt sie die Zusammenführung von Firmen sowie die Suche nach Personal und Geschäftspartnern. Die Kammer beschäftigt 40 Mitarbeiter, die neben dem Hauptsitz in Den Haag auch in den Büros in Düsseldorf, Frankfurt und Berlin tätig sind. Weitere Informationen finden sich auf der Webseite www.dnhk.org

Impressionen aus dem Mittagsgespräch