Wirtschaftsvereinigung zeigt Vorteile der Wirtschaft 4.0 auf

Die Referenten der Veranstaltung v.l.n.r.: Thorsten Küper und Bernd Voshaar von der Neuenhauser Unternehmensgruppe, Prof. Dr. Ingmar Ickerott (HS Osnabrück), Dr. Marianne Saam (ZEW), Dr. Henning Krüp (LIST AG), Jutta Lübbert (Wirtschaftsvereinigung), Klaas Johannink (ringoplast)

Was bedeutet Wirtschaft 4.0 für die Unternehmen in der Grafschaft Bentheim, welche Vorteile bringt die Digitalisierung mit sich? Um diese großen Fragestellungen ging es am Mittwoch, 30. November, im NINO-Hochbau Kompetenzzentrum Wirtschaft in Nordhorn. Eingeladen hatte die Wirtschaftsvereinigung der Grafschaft Bentheim. 150 Interessierte informierten sich in vier spannenden Fachvorträgen. Außerdem gaben Unternehmensvertreter Impulse für die Praxis.

Bereits seit einem Jahr baut die Wirtschaftsvereinigung das neue Kompetenzfeld Digitalisierung und Innovation auf. "Damit wollen wir über die Herausforderungen der Wirtschaft 4.0 im digitalen Zeitalter informieren. Regionale Unternehmen sollen konkrete Hilfestellung erhalten, was es bei der Digitalisierung von Arbeitsprozessen und Arbeitswelten zu beachten gilt“, sagte Klaas Johannink, Geschäftsführer der Ringoplast GmbH in Ringe und verantwortliches Vorstandsmitglied der Wirtschaftsvereinigung für das neue Kompetenzfeld. Johannink führte als Moderator durch das Programm.

Der Abend diente als Auftakt für das neue Kompetenzfeld Digitalisierung und Innovation. 2017 plant die Wirtschaftsvereinigung weitere Veranstaltungen zum Thema Wirtschaft 4.0. Um zukünftig die richtigen Schwerpunkte setzen zu können, wurde eine Themenabfrage durchgeführt. Der Faktor Prozesse erhielt die meisten Stimmen, gefolgt von den Faktoren Mensch, Finanzen und Infrastruktur.

Zusammenfassung der Fachvorträge

„Digitalisierung im Mittelstand: Status Quo, aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen“, Dr. Marianne Saam, ZEW Mannheim:

Digitalisierung ist im Mittelstand heute ein weitgehend selbstverständlicher, aber allmählicher Prozess: Dieses Fazit zog Dr. Marianne Saam vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim. Sie stellte die Studie „Digitalisierung im Mittelstand: Status Quo, aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen“ vor. Das Gros der mittelständischen Unternehmen befinde sich nicht auf dem Weg in die radikale digitale Transformation. Der Wandel vollziehe sich vielmehr in kleinen und oftmals vielfältigen und individuellen Schritten. Vier Fünftel der Mittelständler haben zwischen 2013 und 2015 bereits Digitalisierungsprojekte durchgeführt.

Die meisten mittelständischen Unternehmen geben für den Ausbau der Digitalisierung bislang weniger als 10.000 Euro im Jahr aus. Gerade die kleinen Firmen mit weniger als 50 Mitarbeitern weisen laut der Studie aber Defizite in der grundlegenden digitalen Infrastruktur auf. Ihnen fehle oft sogar eine eigene Website oder eine komplexe Anwendungssoftware wie ein Enterprise Resource Planning (ERP) System, das sämtliche Geschäftsprozesse unterstützt und vereinheitlicht. Hemmnisse stellen für die Betriebe insbesondere Probleme bei der Internetgeschwindigkeit, Fragen der Datensicherheit und mangelnde IT-Kompetenzen bei den Beschäftigten dar. „Hier ist neben erhöhtem Unternehmensengagement auch politisches Handeln weiterhin gefragt“, sagte Saam. Der Austausch der Unternehmen untereinander nutze den Betrieben auf diesem Weg oftmals sehr konkret.

„Best Practice – Digitalisierung in der Neuenhauser Unternehmensgruppe“, Bernd Voshaar und Thorsten Küper, Neuenhauser Unternehmensgruppe:

Wie wichtig die Digitalisierung für den Mittelstand ist, erläuterte Bernd Voshaar, Geschäftsführender Gesellschafter der Neuenhauser Unternehmensgruppe, sehr praxisnah. Die Gruppe umfasst verschiedene Geschäftsbereiche in der Maschinenbaubranche und beschäftigt derzeit insgesamt circa 2.500 Mitarbeiter an mehr als 25 Standorten. Voshaar stellte die Vorteile der Digitalisierung heraus: „Für uns ist es insbesondere entscheidend, dass wir damit auch kleine Stückzahlen automatisiert fertigen können. Früher mussten wir 1000 Teile auf einer Fertigungslinie herstellen, um wirtschaftlich zu arbeiten, heute können wir das auch mit 10 oder 20 Teilen.“ Damit das möglich ist, hat sich Neuenhauser mit Kunden und Lieferanten vernetzt und Zugriff auf deren Daten. „Wenn der Kunde beispielsweise seine Stückzahl erhöht, bekommen wir davon automatisch eine Information. Unser System gleicht das ebenfalls automatisch mit den Beständen ab. Falls Rohmaterial nachbestellt werden muss, tut das System dies selbstständig beim Lieferanten“, erläuterte Voshaar die virtuell miteinander verknüpften Unternehmen. „Dafür seien die IT-Fachkräfte in der Unternehmensgruppe unerlässlich.“ Thorsten Küper, IT-Projektmanager bei Neuenhauser, zeigte in seinem Vortag auf, dass neben exzellenter und sicherer IT-Technik auch ein fortlaufendes Monitoring aller Prozesse unerlässlich ist, um die Betriebsfähigkeit eines Unternehmens zu sichern. „Was wir aber nicht wollen, sind menschenleere Fabriken, es geht vielmehr um eine neue Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Unsere Erfahrung ist bislang, dass es Mitarbeitern Spaß macht, neue Technologien anzuwenden“, sagte Bernd Voshaar.

"Big Data ohne Daten? – Grundlagen der Digitalisierung am Beispiel der LIST Gruppe", Dr. Henning Krüp, IT-Leiter bei der LIST AG:

Wie wichtig es ist, die Beschäftigten auf diesem Wandel der Arbeitswelt mitzunehmen, erläuterte Dr. Henning Krüp, IT-Leiter der LIST Gruppe aus Nordhorn. Die Unternehmensgruppe finanziert, entwickelt, plant und baut mit rund 200 Mitarbeitern deutschlandweit Immobilien. Die Qualifikation, aber auch die Motivation der Beschäftigten sei entscheidend für den Erfolg. Dafür sei es unerlässlich, auch erreichbare Zwischenziele zu definieren. „Die Vorteile der Digitalisierung müssen für jeden Mitarbeiter ersichtlich sein. Sonst wird ein Projekt nicht funktionieren. Die Unternehmen müssen ein Klima schaffen, das Innovationen zulässt“, sagte Krüp. Seiner Erfahrung nach scheitern Firmen in der Praxis häufig an der Bereitstellung von Informationen und Daten in digitaler Form. In der LIST Gruppe würden an einem Tag durchaus E-Mails mit 10 bis 20 Gigabyte an Plandaten erzeugt. Unerlässlich auf dem Weg der Digitalisierung sei daher ein umfassendes Dokumenten-Management, eine automatische Ablage der erzeugten Daten sowie eine zentrale Bereitstellung von Dokumenten, auf die alle Beteiligten von jedem Standort aus Zugriff haben.

„Der ideale Start in die digitale Welt durch Prozessanalyse und –bewertung: Ein Schnell-Check für den Mittelstand“, Prof. Dr. Ingmar Ickerott, Hochschule Osnabrück:

Prof. Dr. Ingmar Ickerott von der Hochschule Osnabrück ermunterte die Unternehmen, nicht auf Impulse von außen zu warten, sondern eigenständig mit der Digitalisierung zu beginnen. Seine Hochschule hat einen Schnell-Check für den Mittelstand entwickelt, der aufzeigt, wie man die Potenziale der Digitalisierung für das eigene Geschäftsmodell aufspürt und bewertet. Ickerott empfiehlt, klare Ziele und kleine Schritte für die nächsten fünf Jahre zu formulieren: „Fangen Sie in Ihren Unternehmen an. Die Digitalisierung geht am Mittelstand nicht vorbei.“